Von Rangeley, ME nach Caratunk, ME
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Von Rangeley, ME nach Caratunk, ME

gepostet in Appalachian Trail, Geschichten | 2

Nein, so richtig los, zurück auf den AT, wollen wir nicht. Das Hostel, das gut, aber nichts besonderes ist, ist allerdings nicht der Grund für unsere Lauffaulheit. Es fehlt uns vielmehr an Motivation, erst recht nach dem Blick auf das Höhenprofil. Saddleback Mountain, The Horn und Saddleback Junior, drei Berge, über die wir heute direkt nacheinander rüber müssen. Das Ganze bei ordentlich sommerlichen Temperaturen und dem Wissen, dass wir das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien verpassen werden. Aber es hilft ja nichts, ab zurück auf den Trail!

Allerdings starten wir erst 9.45 Uhr und damit reichlich spät. Die Berge sind steil und Schweiß treibend, doch ist die Aussicht fantastisch und die Anstrengungen wert. Wir genießen den jeweiligen Ausblick, bevor wir uns den nächsten Berg vorknöpfen. Das Auf und Ab kostet jedoch ordentlich Zeit und so setzt langsam die Dämmerung ein, als wir noch circa zwei Meilen bis zur Shelter vor uns haben. Jetzt also schnell, den im Dunkeln laufen, erfordert noch mehr Konzentration, die wir nach dem langen und anstrengenden Tag nicht mehr wirklich haben. Als wir die Spaulding Mountain Lean-to erreichen, sind wir überrascht, wie voll es ist. Auch die Zeltplätze drumherum sind fast alle vergriffen – fast alle. Wall-E und Milkmonsta finden noch einen Platz, während ich mich in die Shelter lege. Ziemlich eng hier, aber für eine Nacht wird es schon gehen.

Ich schlafe gut, werde dafür aber schon früh wach. In und rund um die Shelter herrscht ordentlich Betrieb. Einen Vorteil aber hat das: Auch wir kommen früh los. Der erste anstrengende Part des Tages wartet drei Meilen nach der Shelter auf uns. Vom Sugarloaf Mountain geht es 1500 Fuß auf nur einer Meile bergab. Wer übrigens glaubt, dass „runter“ immer einfach geht, der irrt. Es ist steil, steinig und rutschig und so sind wir froh, als wir es geschafft haben und auch noch trockenen Fußes über den unten wartenden Fluss kommen. Wir legen eine Pause ein, genießen das Wetter und kurz darauf geht es erst den South und dann den North Crocker Mountain hoch. Das zehrt noch einmal ordentlich an den Kräften, doch sind die folgenden fünf Meilen zur Straße, die nach Stratton führt, dafür vergleichsweise entspannt. Ein paar andere Wanderer, die wir vom Vorabend aus der Shelter kennen, beenden hier ihre Vier-Tage-Tour und fahren uns zu unserem Glück in den Ort.

Da das Stratton Motel aus irgendeinem Grund heute kein heißes Wasser hat, mieten wir uns ein Haus weiter, im White Wolf Inn, ein. Mit als erstes checken wir natürlich via WiFi, wie Deutschland gegen Brasilien gespielt hat. 7:1! Wahnsinn! Ich kann es kaum glauben. Wir freuen uns riesig und ärgern uns zugleich, dass wir dieses Spiel nicht sehen konnten. Dann eben das Finale! Milkmonsta nimmt sofort unseren „Fahrplan“ zur Hand und wir rechnen, wann wir wie viele Meilen laufen müssen, um zum Endspiel in einem Ort zu sein. Gar nicht so einfach, denn hier oben in Maine gibt es entlang des ATs so gut wie nichts mehr. Auch Stratton hat höchstens zehn Häuser. Egal, irgendwie müssen wir es schaffen. Deutschland im Finale – das müssen wir sehen! Für heute aber sind wir kaputt. In dem kleinen Dorf-Supermarkt kaufen wir nur noch unser Essen für die nächsten Tage ein und ziehen uns dann wieder in unser Hotelzimmer zurück. Bei Mikrowellen-Abendbrot verfolgen wir das Ende des zweiten WM-Halbfinales, dann geht’s ins Bett.

Der Wecker klingelt, doch keiner von uns rührt sich so richtig. Schnell wird klar, ein früher Start wird das heute ganz sicher nicht. Gegen 7.40 Uhr ist es dann Milkmonsta, der die Nachtruhe für beendet erklärt. Frühstücken, Schlüssel abgeben und schon stehen wir am Straßenrand des kleinen Örtchens. Per Anhalter wollen wir wieder einmal zurück zum Trail und schon das erste Auto hält. Super! Allerdings ist es ein Chevrolet Aveo – nicht gerade der größte Wagen. Bei diesem Exemplar kommt erschwerend hinzu, dass der Beifahrersitz voll mit Zeitungen ist, die der freundliche Fahrer ausfährt. Die Rückbank ist umgekippt und genau wie der Kofferraum mit allerhand Müll beladen. Ziemlich eng alles, aber kein Problem, wir passen da trotzdem rein! Noch ein kurzer Zwischenstopp, schließlich muss der Fahrer ja seine Kunden beliefern, und schon stehen wir wieder am AT.

Es geht ordentlich bergauf, auf die Bigelows, die wohl letzten richtig großen Berge, die wir zu bezwingen haben. Und auf unserem Weg nach oben kommen wir an noch einem, für uns bedeutsamen, Punkt vorbei. Es ist nur eine kleine Weggabelung, doch überschreiten wir hier die 2000-Meilen-Marke (3218,7 km!)! Das gibt Kraft für die nächsten bzw. letzten Meilen. Nach und nach überwinden wir die einzelnen Bergspitzen. Die Ausblicke sind wirklich schön und da wir nun schon seit Tagen mit dem Wetter Glück haben, ist auch der Trail trocken und somit trittfest. Kurz nach 19 Uhr erreichen wir dann die Little Bigelow Lean-to, wo wir zu unserer Überraschung auf Spider-Man und Socks treffen, zwei Brüder aus Minnesota, die in Massachusetts gestartet sind und ebenfalls nach Maine wollen. Schnell sind alle Neuigkeiten ausgetauscht und so endet der Abend in netter Runde.

Beim Frühstück kriegen wir tierischen Besuch. Ein Streifenhörnchen macht sich über die auf dem Boden liegenden Krümel unserer Poptarts her – zuerst ganz vorsichtig, dann ohne jegliche Angst und fast schon stürmisch. Wirklich niedlich anzusehen, wie der kleine Racker auf der Suche nach Nahrung hin und her flitzt. Zurück auf dem Appalachian Trail werden auch wir nach etwas mehr als vier Meilen „gefüttert“: Trail Magic, bestehend aus kühlen Getränken und Cookies. Bei den abermals hohen Temperaturen tut das richtig gut!

Und auch der AT kommt uns entgegen. Der Trail ist weitestgehend eben und trocken, wodurch wir gut vorankommen. Dazu kommen wir immer wieder an wirklich schön gelegenen Seen vorbei, die uns zum Baden einladen. Doch wir lehnen das verlockende „Angebot“ ab und bringen unsere Meilen hinter uns. 17,5 sind es schließlich, als wir die Pierce Pond Lean-to erreichen. Und da auch diese, wie der Name schon sagt, an einem See liegt, kommen wir doch noch zu unserem Bad im kühlen Nass. Traumhaft, da auch die Atmosphäre rund um den See perfekt passt. Alles in allem ein wirklich schöner Tag!

Das Highlight des nächsten Tages wartet schon nach 3,6 Meilen auf uns. Wir müssen über den Kennebec River, der circa 60 Meter breit ist. Auf jeden Fall der bisher breiteste Fluss, der sich uns „in den Weg stellt“. Doch ist hier ein netter Service eingerichtet. Während wir bei anderen Flüssen von Stein zu Stein sprangen oder einfach furten, um das andere Ufer zu erreichen, gibt es hier eine „Fähre“. Genau gesagt handelt es sich um ein Ruderboot mit einem netten Mann, der zwei Mal täglich (9 Uhr – 11 Uhr und 14 Uhr – 16 Uhr) die Wanderer zur anderen Seite bringt. Da außer ihm nur zwei weitere Personen in das Boot passen, beginnt die wilde Fahrt zunächst für Milkmonsta und mich. Milkmonsta „darf“ sogar mitrudern und kurz darauf stehen wir trocken auf der anderen Seite des Kennebecs. Der Mann kehrt um, holt Wall-E, die auch fleißig rudert und schon sind wir drei wieder vereint und um eine lustige Erfahrung auf dem AT reicher.

Nur 0,4 Meilen später stehen wir in Caratunk. Die „Sehenswürdigkeiten“ des Ortes sind ein Pub und eine Post. Wir entscheiden uns für die Post und rufen von dort das Hostel Sterling Inn an. Wir selbst haben nämlich mit unserem Handy schon seit einigen Wochen keinen Empfang mehr. AT&T kann man als Anbieter nördlich von Vermont wirklich vergessen. Wir werden von Eric, dem Besitzer des Sterling Inns, abgeholt und kurz darauf qualmen die Köpfe. Wir wollen unbedingt morgen das WM-Finale sehen, aber auch weiterhin unsere Meilen laufen, um keine Zeit zu verlieren. Was für Möglichkeiten haben wir also? Es werden Karten gesichtet, Erfahrungen ausgetauscht und Meilen berechnet. Dann steht der Plan! Da wir es nicht rechtzeitig in den nächsten Ort, nach Monson, schaffen werden, gucken wir in Caratunk. Da wir heute aber noch reichlich Zeit haben, es ist gerade einmal 11 Uhr, wollen wir noch ein paar Meilen hinter uns bringen. Die Idee: Wir steigen weiter nördlich auf dem AT wieder ein und laufen „zurück“ zum Sterling Inn, um dort zu übernachten und somit morgen das Spiel sehen zu können. Statt wie sonst von Süd nach Nord, wollen wir jetzt also ein Stück von Nord nach Süd wandern.

Wir lassen all unsere Sachen im Hostel und Erics Sohn fährt uns nur mit ein paar Snacks und Wasserflaschen zum Trail. Dafür muss er allerdings eine Schotterpiste fahren, bei deren wenigen aber heftigen Schlaglöchern ich mir nicht sicher bin, wie lange Dämpfung und Unterboden des Wagens das mitmachen. Sowohl Auto, als auch wir kommen aber heil an und so machen Milkmonsta, Wall-E und ich uns auf den zwölf Meilen langen Weg zurück nach Caratunk bzw. ins Sterling Inn. Alles klappt wie gewünscht und so gehen wir mit der Gewissheit ins Bett morgen wirklich das WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien sehen zu können. Einfach wunderbar!

Der nächste Morgen beginnt mit einem Frühstück und während sich andere Wanderer auf den Weg machen, halten wir noch einen Plausch mit Eric, dem Besitzer. Angenehm, so ein freier Tag, ganz ohne Zeitdruck. Wir erledigen allerhand Sachen, wie Klamotten waschen, Mails beantworten und in Erics kleinem Shop für die nächsten Tage Essen kaufen. Zwar sind die Lebensmittel hier deutlich teurer als in Supermärkten, doch haben wir keine andere Chance. Hier ist weit und breit nichts. Wohl ein deutliches Zeichen, dass wir uns der 100-Mile-Wilderness nähren.

Ein Blick auf die Uhr und meine steigende Nervosität verraten Milkmonsta und Wall-E schon bald, dass es in wenigen Minuten losgeht. Das WM-Finale! Alle drei nehmen wir vor dem Fernseher im Gemeinschaftsraum platzt und siehe da, jetzt ist auch Milkmonstas Anspannung deutlich sichtbar. Nach und nach treffen auch andere Wanderer vor dem Fernseher ein, die sich jedoch alle in die zweite Reihe setzen. Vielleicht sehen sie die Gefahr, dass sie von unseren wild umherfliegenden Armen, die der DFB-Elf versuchen den Weg zum Torerfolg aufzuzeigen, getroffen werden könnten.

Verlängerung! Und dann endlich die Erlösung…TOR und wenig später Abpfiff! Deutschland ist Weltmeister!!! Wir sind vollkommen erschöpft und fertig. Es fühlt sich an, als wären wir gerade 30 Meilen gelaufen, dabei haben wir heute noch keinen Schritt gemacht. Doch das soll sich nun ändern. Obwohl es schon 18 Uhr ist, wollen wir zurück auf den AT und wenigstens noch 2,8 Meilen zur nächsten Shelter laufen. Bei leichtem Nieselregen fährt uns Erics Sohn wieder zurück auf den Trail. An der Stelle, an der wir gestern südlich Richtung Caratunk gelaufen sind, nehmen wir jetzt unsere Wanderung wieder gen Norden auf. Ohne große Probleme, abgesehen vom Regen, erreichen wir die Bald Mountain Brook Lean-to, wo wir neben vier älteren Wanderinnen einen Platz in der Shelter finden. Alles hat perfekt geklappt! Wir haben das Spiel gesehen, Deutschland hat gewonnen und wir sind noch am selben Abend zurück auf dem Appalachian Trail. Und ich werde meinen Kindern später erzählen können, dass ich das WM-Finale live gesehen habe, vor einem Röhrenfernseher in Caratunk, Maine, USA.

Statistik zu diesem Abschnitt

Reisezeitraum: 08.07.2014 – 13.07.2014

Tage auf dem Appalachian Trail insgesamt: 145

Gewanderte Kilometer in diesem Abschnitt: 135

Gewanderte Kilometer auf dem Appalachian Trail insgesamt: 3297,2

Trail Magic auf diesem Abschnitt:
– Fahrt nach Stratton
– Fahrt von Stratton zurück zum Trail
– je zwei kühle Getränke + Cookies

2 Antworten

  1. Inge Wölke
    | Antworten

    Liebes Wandertrio,
    Die beiden letzten Geschichten waren nochmal spannend zu lesen.
    Inzwischen habt Ihr das Ziel erreicht und wir beglückwünschen Euch für die großartigen Leistungen.Für den restlichen Aufenthalt in den Staaten wünschen wir Euch gute Erholung mit vielen schönen Erlebnissen.
    Es grüßen vielmals OI und Oh

  2. Ax
    | Antworten

    Langer Du Fuchs,

    So nah waren wir uns lange nicht mehr. Ich bin in Oshkosh, Wisconsin. mit Vaddern auf der größten Flugmesse der Welt!

    Haltet durch und freut Euch mal wieder über das tägliche Wandern! Immer nicht zurück wollen auf den Trail ist ja nun auch keine Lösung :)

    Love,

    The shit.

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