Von Port Jervis, NJ nach Kent, CT
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Von Port Jervis, NJ nach Kent, CT

Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit am Tag! Getreu diesem Motto servieren uns Tom und Margret – nach einer erholsamen Nacht in richtigen Betten – Eier, Bacon, Wurst, Toast, Saft und Kaffee. Zusammen mit der Dusche vom Vortag und den sauberen Sachen fühle ich mich wieder wie ein richtiger Mensch. Danke Margret! Danke Tom! Nach dem Frühstück drucken wir am Computer der beiden noch die nächsten Seiten von unserem „Reiseführer“ aus, bevor es zurück Richtung Trail geht. Wall-E, Extra Mile und ich schieben aber noch einen Stopp am Supermarkt ein, um uns für die nächsten Tage auf dem AT zu versorgen. Jetzt aber fährt uns Tom wieder zum Trail, wo wir all unsere Lebensmittel in den Rucksäcken verstauen, ehe Wall-E mit einer fantastischen Idee um die Ecke kommt: Mittag! Noch keinen Meter an diesem Tag auf dem Appalaichan Trail zurückgelegt, aber fleißig futtern. Wir können es jedoch vertragen! Dann aber machen wir doch noch unsere Meilen.

Vorbei am High Point, dem höchsten Punkt New Jersey’s, geht es durch Wälder, über Felder und durch sumpfähnliche Gebiete. Ein sehr schöner und abwechslungsreicher Teil des ATs. Nur die Mücken machen uns zu schaffen und ich entdecke zudem zwei Zecken an meinem linken Bein, doch werden die mehr als unwillkommenen Gäste schnell entfernt. Da es an der Pochuck Mtn. Shelter, unserem heutigen Tagesziel, kein Wasser gibt, müssen wir es eine halbe Meile vorher abfüllen und tragen. An sich kein Problem, würde es nicht noch einmal kurz vor der Shelter 400 Fuß hoch gehen. Wir packen es dennoch und liegen nach dem Abendbrot fix in unseren Schlafsäcken.

Weiter geht’s am nächsten Morgen, doch schnell wird klar, dass wir heute nicht wahnsinnig viele Meilen hinter uns bringen werden. Es ist schon morgens ziemlich heiß und geht zudem beständig auf und ab. Immer wieder An- und Abstiege, die einen mit der Zeit zermürben. Da kommt die knappe Meile durch ein Sumpfgebiet wie gerufen. Über einen ebenen Holzsteg kommen wir problemlos voran und genießen die Natur um uns herum. Neben uns machen das auch zahlreiche Tageswanderer, die den Memorial Day, einen Feiertag, für einen längeren Spaziergang nutzen. Gute Idee, denn der Trail ist in New Jersey wirklich sehr abwechslungsreich und aus meiner Sicht einer der schönsten des ATs. Nach dem ebenen Abschnitt übernehmen wieder die Berge, ehe wir an einem richtig schönem Fluss Mittag machen.

Ab hier halten wir beständig Ausschau nach einem Zeltplatz, aber in dem entweder steinigen oder aber sumpfigen Gebiet will sich nichts so recht finden. Kurz vor der Grenze zwischen New Jersey und New York haben wir dann die Schnauze voll. Es ist schon relativ spät und so bauen wir an einem alles andere als perfekten Ort unsere Zelte auf. Extra Mile muss nahe einem kleinen Abhang zelten, während Wall-E und ich unser Zelt über Steinen und Wurzeln aufbauen. Na ja, für eine Nacht wird es wohl gehen. Was dagegen gar nicht geht, sind die Mücken! Sie sind viele und seit zwei Tagen überall und so flüchten wir viel zu spät und zerstochen in unsere Zelte.

Besser, viel besser als erwartet, haben wir geschlafen. Nach dem Frühstück sind wir gerade am Sachen packen, als uns ein alter Bekannter über den Weg läuft: Mountain Mime! Vor einiger Zeit noch hatte er überlegt aufzuhören, jetzt aber scheint er nach einer „kleinen Pause“ von mehreren Tagen bei seinen Eltern in Pennsylvania mehr als motiviert. Klarer Vorteil für viele Amerikaner, dass „Hotel Mama“ zum Akku aufladen nicht all zu weit weg ist. Nach einem kurzen Gespräch sind Wall-E, Extra Mile und ich jedenfalls wieder alleine und machen uns auf den Weg nach New York. Noch schnell ein Foto an der Grenze und ab in den Empire State.

Durch erneut hohe Temperaturen und viele Auf und Abs kommen wir ordentlich ins Schwitzen. Auf dem Prospect Rock, dem höchsten Punkt New Yorks auf dem AT, erwartet uns die wehende amerikanische Flagge – Klischee erfüllt! Ebenfalls erfüllt wird unserer Wunsch nach Eis. Dank Mary Ellen, Extra Miles Mutter, wissen wir, dass nicht weit weg vom Trail ein wahnsinnig guter Eisladen auf uns wartet. Dieser öffnet 12 Uhr und wir treffen 12.05 Uhr dort ein, was für ein Timing! Das Eis ist wirklich richtig gut und so geben wir uns mit den ersten beiden Kugeln pro Person nicht zufrieden. Auf geht’s in Runde zwei! Für Wall-E und Extra Mile wieder je zwei Kugeln, für mich einen Milchshake…..mmmmh, sooo lecker!

Das nächste Highlight ist ohne Frage, wie Extra Mile per Telefonat unsere „Bestellung“ an seine Mutter weitergibt. Sie kommt uns morgen mit ihrer Freundin Ann auf dem Trail besuchen und beide wollen mit uns ein Stück wandern. Und natürlich bringt sie gleich unseren Essensnachschub mit. Einfach stark! Auch wenn sie ungläubig noch einmal am Handy nachfragt, ob wir drei das wirklich alles in vier Tagen essen. Allerdings! So auch an diesem Abend, an dem es Kartoffelpüree mit Soße und „Spam“, einer Art Frühstücksfleisch, gibt.

Am Morgen heißt es dann Sachen packen und auf zur East Mombasha Road. Hier nämlich warten Mary Ellen und Ann auf uns. Die beiden sind trotz Nieselwetters voll motiviert und auch bei uns ist die Wiedersehensfreude groß. Noch größer wird die natürlich, als uns Craigs Mutter selbstgebackenes Zucchini-Brot überreicht, das keine zwei Minuten in unseren Händen überlebt. Zu fünft machen wir uns also auf den Weg, wobei Mary Ellen und Ann problemlos mit uns mithalten. Beeindruckend, wie die beiden Mitt-Sechziger mit uns jeden Anstieg bewältigen und bei einem steilen und steinigen Abstieg sogar unten auf uns warten müssen. Quasi als „Belohnung“ kommen auch Mary Ellen und Ann aus erster Hand in den Genuss von Trail Magic. In einer Kühlbox finden wir allerhand, doch geben wir uns mit kleinen Blaubeermuffins zufrieden. Wenig später, am Island Pond, legen wir dann unsere Mittagspause ein, wobei sich Ann beeindruckt zeigt, was wir so alles essen.

Der Appalaichan Trail führt uns schließlich durch den „Lemon Squeezer“, eine wirklich sehr enge Felsspalte, bei der jeder von uns so seine Probleme hat, was beim Rest der Truppe natürlich für eine Menge Gelächter sorgt. Als ob das nicht reichen würde, folgt eine kleine Kletterpartie, bei der wirklich ganzer Körpereinsatz gefragt ist. Nach 8,7 Meilen, also 14 Kilometern, erreichen wir dann den Parkplatz, an dem Marry Ellen und Ann geparkt haben. Von Müdigkeit bei den beiden keine Spur, dabei war der Abschnitt, auf dem uns die beiden begleitet haben, wirklich kein leichter. Mein Staunen steigert sich jedoch, als Mary Ellen ihren Kofferraum öffnet. Alles, einfach alles was wir brauchen, hat sie mitgebracht. Wie auf einem Basar breiten wir alles auf dem Parkplatz aus, um uns einen Überblick zu verschaffen. Neben den „bestellten“ Sachen findet sich auch die ein oder andere Überraschung und so werden unsere Augen immer größer und die Rucksäcke immer schwerer. Ein riesen großes Dankeschön an Mary Ellen und Ann für diesen wirklich tollen Tag!

Als sich Mary Ellen und Ann verabschieden, stehen für uns noch knapp vier Meilen bis zur William Brien Memorial Shelter auf dem Plan. Dort angekommen, treffen wir auf einen Wanderer namens Lee, der uns kurz vor dem ins Bett gehen informiert, dass er fürchterlich schnarcht. Das hatten wir doch schon mal. Bitte nicht wieder so eine Nacht…. Um es kurz zu machen: Unser lieber Freund Lee stand seinem Schnarch-Vorgänger, der uns bekanntermaßen vor einigen Wochen nicht schlafen ließ, in nichts nach. Ein Schnarch-Konzert vom Feinsten! Umso glücklicher bin ich, dass die Nacht vorbei ist, zumal der Morgen einen schönen Tag verspricht.

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg und nach zwei ordentlichen Anstiegen sehe ich das erste Mal in meinem Leben New York! Gut, es ist zwar nur die Skyline, die ich vom Black Mountain aus am Horizont erkenne, aber dennoch wirkt alleine die durchaus imposant. Bevor wir die von hier rund 30 Meilen entfernte Stadt jedoch richtig erkunden, wollen wir ja noch eine andere Sache erledigen. Also weiter auf dem Trail!

Das nächste Highlight wartet nur sechs Meilen weiter: Bear Mountain. Auf dem Gipfel des Berges steht ein Aussichtsturm, von dem aus wir neben der Skyline von New York auch den Hudson River bewundern können. Zum Glück spielt auch das Wetter super mit, sodass wir unsere Mittagspause auf einer Bank in der Sonne genießen. Gestärkt von Käse und Brot machen wir uns an den Abstieg. Knapp 1200 Fuß geht es runter, doch dank der vielen Touristen, die den Aussichtsturm besuchen, ist der Trail bestens ausgetreten und gleicht einem Spaziergang.

Unten angekommen, geht es dann an einem kleinen See entlang, der zum Baden einlädt. Im Hochsommer muss hier die Hölle los sein. Wir aber verzichten auf einen Sprung ins kühle Nass, reizt uns doch vielmehr der nächste Abschnitt des Appalaichan Trails. Der AT geht nämlich geradewegs durch einen kleinen Zoo und ist für Thru-Hiker kostenlos – sagt zumindest unser Guide Book. Eine Art Baustellenschild auf dem kleinen Weg direkt vor unserem Ziel dagegen meint: „Bauarbeiten! Zoo geschlossen!“

Was? Echt jetzt? Können die nicht später bauen? Nächste Woche wäre doch gut oder ab morgen würde auch schon reichen. Na gut, geht ja nicht anders, da hilft nur eins….wir ignorieren das Schild. Sehr weit kommen wir allerdings nicht und so stehen wir kurz vor dem Zooeingang an einem Absperrband. Dahinter ein paar Bauarbeiter, die nicht so aussehen, als ob sie uns mal schnell durchlassen würden. Mist!

So geht’s also außen rum bis zu einem Seitentor, das offen steht. Ein kurzer Blick zwischen Wall-E, Extra Mile und mir genügt und schon sind wir drin. Der Zoo ist wirklich klein, aber fein! Verletzte und aus verschiedensten Situationen gerettete Tiere werden hier wieder aufgepeppelt. Eulen, Adler, Schlangen, Bären und ein niedlicher Bieber beobachten uns und wir wiederum sie. Eine knappe Stunde später sind wir wieder raus, ohne dass uns irgendwer auch nur im Ansatz gefragt hat, was wir hier machen. Gut so – und weiter! Raus aus dem Zoo geht es nämlich direkt über die Bear Mountain Bridge und damit über den Hudson River. Heute jagt wirklich ein Highlight das nächste. Wir genießen den Ausblick und bringen danach noch die restlichen 1,7 Meilen zu unserem heutigen Zeltplatz hinter uns. Der Tag heute war ohne Frage einer der schönsten auf dem AT und so passt auch die Email von Milkmonsta, die uns am Abend erreicht. Er ist nur noch wenige Meilen hinter uns und wird uns wohl morgen oder übermorgen einholen. Eine wirklich positive Nachricht, die diesen schönen Tag abrundet!

Als alle Sachen am nächsten Morgen gepackt sind, hinterlassen wir an einem Baum noch einen Zettel für Milkmonsta. Darauf vermerkt, ist unser heutiges Tagesziel, sodass er besser einschätzen kann, wie lange er noch braucht um uns einzuholen. Und dann machen auch wir uns auf den Weg. Für Wall-E und mich ist heute zumindest ein kleines bisschen ein besonderer Tag. Genau 100 Tage sind wir beide jetzt schon auf dem Appalaichan Trail. Nach 3,5 Meilen „feiern“ wir das Jubiläum im AT-Market, einem Mini-Supermarkt mit Bistro, mit einer Banane und einem Eistee (für Wall-E) bzw. einem Liter Milch und einem Stück Kirschplunder (für mich). Mensch, wat ne Fete! Craig lässt es mit einer Pizza da schon eher krachen.

Zurück auf dem AT kreuzen wir dann den Weg einer Schildkröte. Erst gestern hatten wir genau so eine „Box Turtle“ noch bei unserem Zoobesuch hinter dicken Glasscheiben gesehen. Heute sitzt sie direkt vor uns auf dem Trail und lässt sich bereitwillig fotografieren. Zufrieden mit unseren Schnappschüssen geht es weiter – leicht bergauf, leicht bergab. Es ist deutlich zu spüren, dass wir uns mehr und mehr dem bergigen Norden nähern und die eher ebenen Staaten endgültig vorbei sind. Nach 12,3 Meilen beenden wir dann unsere heutige Wanderung, da wir sowohl eine gute Wasserquelle, als auch einen richtig guten Campplatz mit Toiletten und Picknick-Tischen gefunden haben. Da der aber knapp 150 Meter abseits des Trails liegt, basteln wir eine neue Nachricht für Milkmonsta. Wall-E schreibt den Text, während Extra-Mile eine Schraube auftreibt, mit der ich dann die Nachricht in einem Gefrierbeutel und mit Hilfe meines Taschenmesser an einen Baum schraube. Perfekt! Jetzt beginnt das große Warten, doch als wir gegen 21 Uhr in die Zelte schlüpfen, ist von Milkmonsta keine Spur.

Der nächste Morgen beginnt dafür mit einer faustdicken Überraschung. Extra Mile hat sich entschlossen den Trail zu verlassen! Schon gestern haben Wall-E und ich so etwas geahnt. Natürlich sind wir traurig, hätten wir gerne gemeinsam mit „unserem“ Extra Mile Mt. Kathadin erreicht. Doch seine Entscheidung steht und das respektieren wir natürlich!

Lieber Extra Mile, Hut ab für deine Leistung und vielen, vielen Dank für all die tollen, lustigen und verrückten gemeinsamen Momente auf dem Trail. Und ein noch viel größeres Dankeschön für all die Unterstützung abseits des ATs! Du bist ein klasse Typ und wir haben mit dir einen echten Freund gewonnen!

Gemeinsam mit Extra Mile warten wir auf Iron Man, der gegen 10 Uhr an der Dennytown Road eintrifft um Craig mit dem Auto abzuholen. Wir tauschen alle Neuigkeiten aus, erfahren noch etwas über den Trail, da Iron Man auf dem AT knapp 150 Meilen vor uns ist und zurzeit nur ein paar Tage zu Hause „pausiert“ – und dann sind wir plötzlich nur noch zu zweit. Wall-E und ich stehen kurz wie angewurzelt da. Ein komisches Gefühl!

Auch von Milkmonsta noch keine Spur, sodass wir unsere Tour vorerst als Duo fortsetzen. Den Kopf voll mit verschiedensten Gedanken bekomme ich vom Trail nicht allzu viel mit. An einem Weg-Abzweig biege ich ab, in der Hoffnung bei einem nahegelegenen Laden etwas Gas für unseren Kocher zu bekommen. Wall-E wartet an der „Kreuzung“, könnte ja sein, dass Milkmonsta auftaucht. Doch der Laden ist eine einzige Enttäuschung und auch unsere Wandertruppe findet nicht zu alter „Größe“ zurück. Da wir aber ohnehin schon gestoppt haben, entschließen wir uns Mittag zu machen und als wir gerade wieder aufbrechen wollen, verrät uns eine andere Wanderin mit Trailnamen „Nails“, dass Milkmonsta nur knapp hinter ihr sei. Wir warten noch gut 20 Minuten und dann hat er uns tatsächlich eingeholt. Das Trio endlich wieder vereint!

Bis zur RPH Shelter sind wir durchgängig am Quatschen – so viel passiert, so viel zu erzählen. Auch ohne viele Meilen kann ein Tag auf dem AT sehr ereignisreich sein. Positive und negative Erlebnisse und Emotionen sind dabei oft nah beieinander. Ich bin gespannt, was der Trail die letzten 760 Meilen noch so mit uns vor hat.

Nachdem wir für AT-Verhältnisse ausgeschlafen haben, geht es weiter auf dem Trail, wobei wir uns – jetzt wieder vereint – Gedanken über die nächsten Tage machen. Wie weit pro Tag laufen? Wo schlafen? Und bis wohin reicht eigentlich unser Essen? Beim Mittagessen an der William Morgen Shelter fällt mir dazu ein, dass mir ein Tageswanderer in Daleville seine Telefonnummer gegeben hatte, mit dem Hinweis, dass wir uns bei ihm melden sollen, wenn wir nach Connecticut kommen. Es ist zwar schon zweieinhalb Monate her, aber was soll’s, einen Versuch ist es wert. Milkmonsta wählt die Nummer, es klingelt und…

Ein paar Minuten später sind wir mit „Goody“ in Kent zum Mittagessen verabredet – und zwar schon am nächsten Tag. Das nenne ich mal spontan und hebt bei uns die ohnehin gute Stimmung. Was uns in Kent mit Goody erwartet, wissen wir zwar nicht, aber eine Abwechslung zum Trail wird es mit Sicherheit. Damit wir unser „Date“ auch einhalten, heißt es weiter wandern. Am Nuclear Lake gönnen wir uns aber wieder eine Pause und gehen baden, das erste Mal auf dem AT! Dann bringen wir auch die letzten Meilen des Tages hinter uns, ehe wir an der Telephone Pioneers Shelter unsere Schlafsäcke ausrollen. Außer uns schlafen auch „Batpeel“, ein Tageswanderer und „Bushido“ in der Shelter, während drum herum einige andere Wanderer ihre Zelte aufgebaut haben. Kurz vor dem Einschlafen höre ich in der Ferne noch einen Zug hupen. In unserem Nachtlager ist es da aber schon lange still.

Das ändert sich mitten in der Nacht. Es ist ein Schrei, der mich aufschrecken lässt. Nicht nur mich, sondern alle in der Shelter. Batpeel sitzt aufrecht in seinem Schlafsack und tastet wild um sich. Irgendeine Maus oder vielleicht auch eine riesige Spinne sei ihm gerade über den Kopf gelaufen, behauptet er – na ja, eigentlich brüllt er viel mehr. Da er weiter nach dem „Täter“ sucht und jetzt beginnt sich ausgiebig für den Alarm zu entschuldigen, fällt es uns schwer wieder  einzuschlafen. Es klappt aber doch und so sind wir auch am nächsten Morgen wieder fit.

Der Tag ist insofern ein besonderer, da er mein Geburtstag ist. Wall-E und Milkmonsta lassen mich hochleben, gewandert wird aber selbstverständlich trotzdem. So geht es zum Beispiel vorbei am dicksten Baum auf dem AT, einer Eiche, die wirklich einen riesigen Umfang hat. Auch sonst ist der Trail sehr abwechslungsreich, leicht zu laufen und schlichtweg schön. Dann überqueren wir die Grenze zu Connecticut und haben damit auch den Bundesstaat New York erfolgreich durchwandert.

Etwa eine Meile nach der Grenze wartet Goody an einem Parkplatz auf uns. Er ist tatsächlich gekommen, cool! Zu unserer Überraschung warten mit ihm auch Bushido und Nails, zwei weitere Thru-Hiker, die die Shelter heute Morgen vor uns verlassen hatten. Uns alle, also fünf hungrige Wanderer, lädt Goody kurzerhand zum Mittagessen ein, ohne dass er auch nur einen von uns ansatzweise kennen würde! Er fährt dazu mit uns ins nette Örtchen Kent, wo es in einem Restaurant neben richtig leckeren Burgern und Pommes für mich auch noch von allen, einschließlich Personal, ein Ständchen und ein Stück Kuchen gibt. Und dann geht’s mein Geschenk abholen, das von meiner Freundin zum Outfitter nach Kent geschickt wurde. Wirklich schön, denn so halte ich neben ein paar lieben Zeilen auch noch eine Kleinigkeit von zu Hause in den Händen. Es ist also an alles gedacht und ich feier bei strahlendem Sonnenschein einen „richtigen“ Geburtstag!

Dann aber holt mich die Wander-Realität wieder ein. Erst kaufen wir für die nächsten Tage Essen ein, dann fährt uns Goody alle gemeinsam wieder zum Trail. Der Mann hat ohne Frage großen Anteil daran, dass wir so einen tollen Tag hatten. Danke dafür! Wir laufen dann noch 2,2 Meilen bis zur nächsten Shelter, die allerdings schon voll ist. Ein Mann weist uns aber auf einen schönen nahegelegenen Zeltplatz hin. Also ein Mann, der offensichtlich lieber eine Frau wäre, zumindest glauben das Wall-E und ich, während Milkmonsta trotz der Körpergröße von 1,90m, breiter Schultern und männlicher Gesichtszüge glaubt, dass es sich um eine Frau handelt. Eigentlich auch egal, denn uns verwundert vielmehr das Samuraischwert auf dem Rücken. Kein Witz! Ein echtes Samuraischwert, wir haben nachgefragt und bekamen es prompt vorgeführt! Mit dem schönen Zeltplatz hatte er bzw. sie aber recht und so schlagen wir unser Nachtlager auf, gehen im Fluss kurz duschen und verschwinden nach dem Essen in den Schlafsäcken. Irgendwie auch nicht schlecht, so ein Geburtstag im Wald!

Statistik zu diesem Abschnitt

Reisezeitraum: 25.05.2014 – 02.06.2014

Tage auf dem Appalachian Trail insgesamt: 103

Gewanderte Kilometer in diesem Abschnitt: 192,6

Gewanderte Kilometer auf dem Appalachian Trail insgesamt: 2336,8

Trail Magic auf diesem Abschnitt:
– fünf Blaubeermuffins
– kompletter Resupply von Mary Ellen
– Fahrten vom und zum Trail von Goody
– Mittagessen von Goody

11 Antworten

  1. Carmen
    | Antworten

    Hallo Ihr drei Wanderer, also es ist immer wieder schön Eure Erlebnisse zu lesen. Auch bin ich immer wieder beeindruckt, wie hilfsbereit und gastfreundlich doch wildfremde Menschen sind, aber toll für Euch und alle anderen Wanderfreunde. Schreibt weiter so tolle Berichte und laßt uns so an Eurem Abenteuer teilhaben.
    Schön, das Ihr alle drei auch wieder zusammen lauft, weiter so, es bald geschafft.
    Liebe Grüße
    Willi und Carmen

    • Katerina
      | Antworten

      Hallo Carmen,
      wir können es oft selbst nicht fassen, was für eine Gastfreundschaft uns hier entgegen gebracht wird. Einfach unglaublich!
      Liebe Grüße

  2. Beate
    | Antworten

    Ihr Lieben Drei, es ist schön, wieder von Euch zu hören! Nun kommt das „dicke“ Ende! Auf der Landkarte sehen wir viele Berge und hoffen, Ihr seid gesund und kräftig, sie zu besteigen und wieder herunter zu kommen!!! Das Wetter ist ja nun schon recht sommerlich warm und Ihr könnt bestimmt öfter mal in einen hübschen, erfrischenden See eintauchen! Wahnsinn, wie Ihr so durch die Jahreszeiten gelaufen seid! Passt bloß immer schön aufeinander auf! ( Wenn auch Leute mit Samuraischwert unterwegs sind………?!)
    Wir freuen uns über Eure nächste Geschichte!
    Herzliche Grüße von Uwe und Beate ( P+M )

    • Katerina
      | Antworten

      Hallo,

      wir sind auch froh, wieder zu Dritt zu sein und werden die letzten paar Berge nun auch noch bezwingen!
      Liebe Grüße

  3. Inge Wölke
    | Antworten

    Liebes Wandertrio, rückblickend auf Eure Berichte kann man sagen, daß bisher alles zu Eurer und unserer Zufriedenheit verlaufen ist. Jetzt ruft der Berg und fordert sicher nochmal viel Kraft und Ausdauer. Wir wünschen weiterhin viel Glück und haltet durch bis Maine. Es grüßen vom sonnigen Ostseestrand OI und OH

  4. Mary Ellen Morris
    | Antworten

    Happy hikers – so glad we got to spend a day with you on the AT! It was a lot of fun and a pretty diverse 8 miles. We were glad for the cooler weather and no mosquitos or black flies! Yes it is sad that Extra Mile has left the trail, but next week he’ll join Iron Man for the 100 mile Wilderness and hike the last section of the AT in Maine. When you’re all finished we are both hoping for a reunion with you when you get back to spend some time in NYC (& get to see it up close & personal instead of from a distant mountain peak :-)
    Looking forward to the next blog!! Best, Blog mum

  5. Mary Ellen Morris
    | Antworten

    greetings from Extra Mile! Great to hear Milk Monsta caught you as I made my exit stage right. I miss you guys and all of our thru hiking friends. I’m getting back on trail because Iron Man asked me, what’s one more week right? The reunion of „Team Dirty Water Dog“ and „Team Haselhoff“ Hope to hear from you guys soon
    I sent some texts, hope you got them. And is someone keeping an eye on Wall-E? We know how she likes to blaze her own trail some times(ha ha ha). I’d like to leave you with a quote from one of my favorite songs „Sooner or later it all gets real … Walk On!“ – Neil Young. Hopefully I can play it for you. When you guys finish the trail. Can’t wait to see you guys in New York.
    Craig „EXTRA MILE“ Morris.

    • Katerina
      | Antworten

      Hi Craig, great to hear from you! It will be soo nice to stand on that mountain! We can’t wait either!! Nice, that you and Ironman will walk the last miles together.
      We miss you, too and already look forward to meeting you in THE city :)

  6. Beate
    | Antworten

    Dear Marry Ellen, dearest Blog Mom, dear Extra Mile , it is right now the only way to meet us in this way! We are the parents of Wall-E, live in Singapore for some time. We are so very grateful to you that you have our three hikers helped so great! You are very kind, selfless and energetic, which is more than trail magic! Thank you very much!
    Extra Mile, you are a really good friend and have found friends for life! We hope you meet you all in New York!
    Warmest regards Uwe and Beate

  7. Mary Ellen Morris
    | Antworten

    Dear Beate and Uwe,
    It is very nice to meet you too through „Frischluftgeschichten“! It is a wonderful adventure they are all sharing and I am so lucky to have met Extra Mile’s great friends and hiking companions! We all had such fun at dinner and hiking for a day on the AT!! I’m happy to help any time.
    I hope we can all meet in New York. Warmest regards, Mary Ellen

  8. Ax
    | Antworten

    Langer,

    Du siehst aber auch extrem gut aus! Heftig!

    Rocken!

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