Von Fontana Dam, NC nach Gatlinburg, TN
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Von Fontana Dam, NC nach Gatlinburg, TN

gepostet in Appalachian Trail, Geschichten | 1

In allen Sheltern entlang des ATs gibt es eine Art Naturgesetz, gegen das man, egal was auch immer man versucht zu unternehmen, schlichtweg keine Chance hat. Wirklich keine! Und jenes Gesetz besagt: Steht einer auf, werden auch alle anderen wach.

Blöd, dass sich Cannonball, ein Hiker, den wir am Abend zuvor kennengelernt haben, im „Fontana Hilton“ bereits gegen 5 Uhr morgens entscheidet aufzustehen. Es folgt Wanderer um Wanderer, so dass um 7.40 Uhr noch genau vier Hiker im Shelter sitzen – Milkmonsta (Robert), Wall-E (Katerina), Pillow (das bin ich) und Animal Planet (Matt) der nur noch AP gerufen wird.

Dass AP nicht auch schon längst aus dem Shelter gestürmt ist, hat einen simplen Grund: Er verbringt das Wochenende mit seiner Frau in Gatlinburg, einem nahegelegenen Ort. Voller Vorfreude wartet er auf seine Liebste, während es für uns zurück auf „die Strecke“ geht.

Die erste Meile des heutigen Tages führt uns über den Fontana Damm. Eine äußerst beeindruckende Stauanlage, die wir bewandern müssen, um schließlich bei Meile 167.1 an die südliche Grenze des Great Smoky Mountains National Park zu stoßen. Als „Eintrittskarte“ dienen unsere permits (20 Dollar pro Person), die wir uns vorab in Fontana besorgt hatten. Wir schmeißen den unteren Abschnitt unseres „Passierscheins“ mitten im Wald in eine Art Briefkasten, als Bestätigung, dass wir den National Park betreten haben. Da darf das „Ich-guck-wie-ein-Politiker-vor-der-Wahlurne-meines-Wahlbezirks-bei-der-Bundestagswahl-Foto“ natürlich nicht fehlen. Und schon kann unser Abenteuer in den Smokys beginnen!

Knapp 1000 Höhenmeter sind in zahlreichen Anstiegen versteckt, bis wir nach 16.7 Meilen die Spence Field Shelter erreichen. Da zelten in den Smokys nur bei überfüllten Hütten oder im Notfall gestattet ist, sind wir an die Shelter gebunden. Hier treffen wir auch wieder auf Cannonball, den leidenschaftlichen Extrem-Frühaufsteher. Aber nicht falsch verstehen! Der Mann ist unfassbar nett und ein absoluter Fußball-Fan. So plaudern wir beim Abendessen über die englische Premier League und Jürgen Klinsmann.

Als wir frühstücken, ist Cannonball aber schon längst wieder unterwegs. Stattdessen wird mit Andi und Chris gequatscht. Brüder aus New Hampshire, die „nur“ für ein paar Tage hier draußen sind und uns sofort ihre Telefonnummer geben, damit sie uns gegebenenfalls helfen können, sobald wir in ihrer Region sind.

Erstmal müssen wir aber über den Thunderhead Mountain. Und erneut werden wir für die schweißtreibenden Aufstiege mit traumhaften Aussichten belohnt. Das Wetter ist dabei nach wie vor auf unserer Seite – sonnig, leichter Wind und nahezu keine Wolken. Perfekt zum Wandern! Das findet auch der Ridge Runner, eine Art Parkaufseher, der sich um Wanderer, Trail und Shelter kümmert. Vor allem einer seiner Sätze brennt sich sofort in mein Gedächtnis: „Das hier wird für euch eine lebensverändernde Erfahrung!“

Nach 13.5 Meilen ist an diesem Tag unser Nachtlager erreicht. In der Double Spring Gap Shelter treffen wir auf alte Bekannte: Cannonball, Caribou, Kirk, Greg und einige neue Gesichter. Das Lagerfeuer brennt, es wird sich über den Tag ausgetauscht, erzählt und gelacht. Uns ist längst klar, warum der AT auch als Social Trial bezeichnet wird. Da passt es, dass Meeples, eine Wanderin, morgen ihren Geburtstag feiert. Gemeinsam mit ihr haben wir uns vorgenommen diesen während des Sonnenaufgangs auf dem Clingmans Dome, dem höchsten Punkt des ATs, zu zelebrieren. Dass heißt früh, sehr früh aufstehen, also ab in die Betten. Es dauert noch eine Weile, bis alle 14 Leute im Shelter zur Ruhe kommen, dann aber ist Schlafenszeit!

Was jetzt kommt, hätte eigentlich einen eigenen Blogeintrag verdient. Also Tee- oder Kaffeetasse auffüllen, Radio oder Fernseher aus, hinsetzen und weiterlesen!

Durch eine laute Stimme werde ich aus dem Schlaf gerissen. Es ist Josef, der neben mir liegt und bei totaler Finsternis irgendetwas von „zu früh“, „Bergen“ und „Verrückten“ brabbelt. Wahrscheinlich versucht er zu flüstern, doch entspricht das etwa dem Lärmpegel einer Großbaustelle. Jetzt erst sehe ich auch Meeples, die verkrampft probiert ihr Lachen zu unterdrücken. Statt mir, hat sie versehentlich Josef geweckt – es ist 4.30 Uhr!

Jetzt gehören auch wir mal zu den „Kaputten“, die mitten in der Nacht aufstehen um sich auf den Weg zu machen. Stirnlampe an, Sachen packen, Pop Tart zum Frühstück und los geht’s. Etwa drei Meilen trennen uns noch vom höchsten Punkt des ATs und einem hoffentlich atemberaubenden Sonnenaufgang.

Nur langsam wird es heller, doch bei einer kurzen Trinkpause gibt es das erste „Ahhh-Erlebnis“ des Tages. Um uns herum im Wind knirschende Bäume und unten im Tal eine beleuchtete Ortschaft – sehr schön anzusehen. Doch je höher und somit näher wir unserem Ziel kommen, desto mehr zieht es sich zu. So lässt sich unsere Ankunft auf Clingmans Dome wie folgt zusammenfassen: Nebel, starker Wind und keinerlei Aussicht – schlichtweg eine Enttäuschung! Da helfen auch 15 Minuten warten nichts. Das frühe Aufstehen für die Katz‘.

Nur kurz, keine zehn Sekunden, können wir durch eine Wolkenlücke erahnen, wie toll der Sonnenaufgang wohl von hier oben ausgesehen hätte. Pech gehabt! Ein Erinnerungsfoto bzw. -video wird trotzdem gemacht. Zwar hätten wir das, bei der Aussicht, auch im Dampfbad eines beliebigen Kurorts machen können, aber so schnell werden wir zum höchsten Punkt des gesamten Trails wohl nicht zurückkehren.

Runter vom Aussichtsturm geht es zurück auf den Wanderweg. Und der hat gleich die nächste, nicht gerade schöne, Überraschung für uns parat. Der Trail ist total vereist. Positiv gesehen aber, kommt durch unsere Wanderstöcke das Gefühl einer schwarzen Piste im Skiurlaub auf. Sturzfrei meistern wir die Strecke, doch statt Après Ski mit Burger, Bier und Mickie Krause gibt es für uns Tortillas, Käse und Vogelgezwitscher.

Gestärkt durch die Mittagspause geht es weiter durch die Natur, vorbei an komplett entwurzelten Bäumen, über Stock und Stein. Ein wirklich schöner und abwechslungsreicher Part – bis wir schließlich Newfound Gap erreichen. Von hieraus, so der Plan, trampen wir nach Gatlinburg, kaufen Essen nach und schlagen uns in irgendeinem Restaurant den Bauch voll. Der vor uns liegende, große Parkplatz mit zahlreichen Autos macht uns dafür Mut. Also ab über die Straße und….

„Seid ihr die Deutschen?“ Eine Frau, Mitte 50, kommt uns entgegen. „Wir haben euch auf einem Foto auf Facebook gesehen. Wollt ihr was essen und trinken? Unser Kofferraum ist voll!“ Oh ja, und ob er das ist: Zahlreiche Großpackungen von Keksen, Cookies, Schokoriegeln und einer Kühlbox mit Cola-Dosen und anderen Kaltgetränken. Der Wahnsinn! Aber natürlich traut sich keiner von uns etwas zu nehmen.

Nach mehrfacher Aufforderung nimmt sich Robert einen Keks, Katerina und ich etwas zu trinken. Die so unfassbar guttuenden „Geschenke“ rotieren durch unsere Hände. „Wieso teilt ihr? Seid ihr verrückt!?“ Mike schmeißt uns weitere Cola-Dosen und süße Leckereien aus dem Kofferraum entgegen. Trial Magic vom Feinsten! Der Sohn der beiden ist letztes Jahr den AT gelaufen und hat einiges an Hilfe und Unterstützung erfahren. Das wollen sie somit zurückgeben. Viel zu spät mache ich ein Foto vom „Kofferraum-Kiosk“, da Mike, nachdem wir unseren Zuckerhaushalt kostenlos wieder aufgefüllt haben, bereits zusammengepackt hat. „Wir fahren euch natürlich in die Stadt.“

15 Meilen ist Gatlinburg entfernt – und ein Touri-Ort durch und durch. Uns fällt sofort Disney World wieder ein. Alles ist bunt, super kitschig und voller Läden, die aus unserer Sicht nutzlosen Kram verkaufen. Mike und Nan sehen das ähnlich und halten mit uns vor Bennett’s BBQ – ein Restaurant-Tipp von Animal Planet. „Wie lange braucht ihr? Wann sollen wir euch wieder abholen?“ Die beiden gucken uns erwartungsvoll an. Moment, was? Abholen? Warum? „Wir fahren euch danach natürlich noch zum Supermarkt und wieder hoch zum Parkplatz.“ Uns verschlägt es die Sprache. Unser eigener Shuttle-Service – einfach unglaublich!

Im Restaurant schlagen wir zu: Spare Ribs, Hähnchen, Schwein, Pommes, grüne Bohnen, Baked Beans, Kartoffelsalat, Cola und natürlich Milch, landen auf dem Tisch. In Deutschland würde das Essen mit „na ja,passt“ durchgehen, aber hier und jetzt schmeckt es und macht uns vor allem satt.

Unser VIP-Shuttle steht wie vereinbart 15 Uhr wieder vor der Tür. Zwei Supermärkte fahren wir an, bis wir unser Essen für die nächsten vier Tage zusammen haben. All unsere Angebote, Mike und Nan irgendetwas Gutes zu tun oder zu kaufen, schlagen die beiden aus. Stattdessen fahren sie uns zurück zum Trail. Seit fünf Stunden kümmern sie sich ausschließlich um uns. Wahnsinn – mehr fällt mir nicht ein! Es ist unfassbar schwer unsere Dankbarkeit und Begeisterung für die beiden, hier im Block in Worte zu fassen. Ich hoffe, dass ist uns vor Ort besser gelungen.

Nach der Verabschiedung, die beiden packten übrigens gleich den nächsten Hiker in ihr Auto, geht es für uns zur Icewater Spring Shelter. Drei Meilen, die wir fliegen. Voll gepumpt mit Essen, Adrenalin und innerer Zufriedenheit! Am Shelter ist unser Tag DIE Geschichte. Beim Reden überschlagen sich meine Worte. Ich weiß nicht, wo ich anfangen und aufhören soll. Unsere „Mitbringsel“ – Dr. Pepper, Schokoriegel und Gummibärchen – sorgen auch bei den anderen für prächtige Stimmung.

Als wir nach einem langen Tag im „Bett“ liegen, das frühe Aufstehen hatte sich mehr als gelohnt, bleibt Katerina und mir nicht anderes als Robert zuzustimmen, als er zusammenfasst: „Was für ein genialer Tag!“

Statistik zu diesem Abschnitt

Reisezeitraum: 07.03.2014 – 09.03.2014

Tage auf dem Appalachian Trail insgesamt: 18

Gewanderte Kilometer in diesem Abschnitt: 70.8

Gewanderte Kilometer auf dem Appalachian Trail insgesamt: 337,6

Trail Magic auf diesem Abschnitt:
– VIP-Shuttle nach und in Gatlinburg
– drei Cola-Dosen und diverse Süßigkeiten
– vier AAA-Baterien

Eine Antwort

  1. Basisstation
    | Antworten

    Liebes Trio,
    für Euch ein genialer Tag, für uns eine geniale Geschichte. Es freut uns sehr, das Ihr so viele nette, freundliche und hilfsbereite Menschen trefft.
    Nach doch „langer Durststrecke“ an Geschichten hat es heute so richtig in der Kiste gerappelt als wir den LT starteten. Weiter so. Wir sind gespannt und neugierig!
    Liebe Grüße an das Trio von Va-T und Mu-T.

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