» » » Von Damascus, VA nach Marion, VA

Von Damascus, VA nach Marion, VA

gepostet in Appalachian Trail, Geschichten | 5

Es fiel uns schwer, das Hikers Inn in Damascus wieder zu verlassen. Lee und Paul sind wirklich großartige Gastgeber und ihr Haus ist absolut empfehlenswert. Nach einem Ruhetag fühlten wir uns aber wieder gut und bereit für die nächsten Kilometer.

Also packten wir zusammen, hielten noch ein Abschiedsschwätzchen mit Lee und Paul und dann ging es wieder raus auf den Trail. Da der mitten durch Damascus führt, brauchten wir in diesem Fall einfach nur aus der Tür zu treten – wunderbar einfach!

Draußen erwartete uns ein grauer Tag mit einer kleinen Schneedecke. Dafür ging es aber erstmal ein wenig die ebene Straße entlang, was wirklich angenehm war. Man kann eben doch offenbar nicht alles haben – irgendwie auch ein beruhigendes Gefühl.

Kurz außerhalb der Ortschaft führten uns die weißen Markierungen wieder in den Wald. Wir folgten nicht nur ihnen, sondern auch den Fußspuren im Schnee von Kirk, Craig, Christine und Nigel, die bereits vor uns das Hikers Inn verlassen hatten.

Der Weg plätscherte so vor sich hin und war durchaus gut zu laufen. Dabei gesellte sich ein weiteres Novum in unsere AT-Erlebnissammlung: Wir mussten eine offizielle Umleitung laufen. Wasser hatte ein Brücke auf dem Originaltrail weggespült, so dass wir nun ein kurzes Stück gut ausgeschilderte Umgehung liefen.

Nach dieser flacheren Passage ging es stetig aufwärts, wo uns oben der Abzweig zur Saunders Shelter erwartete. Dort machten wir unsere Mittagspause. Zu unserer Verblüffung fanden wir Meeple und Odysseus in der Shelter. Meeple hatte sich wohl etwas den Magen verdorben, so dass sie dort auf Besserung warteten. Wir aßen unsere Ration und zogen weiter.

Am Nachmittag kam dann auch die Sonne raus, was es im Wald regnen ließ, denn nun taute der Schnee von den Bäumen. Wir kamen gut voran, wobei der Weg einige Zeit sogar auf einem angrenzenden Schotterradweg verlief. So erreichten wir gegen 18 Uhr unser Tagesziel, die Lost Mountain Shelter.

Die anderen Genannten waren bereits da sowie auch Jesse und Trish, die wir ebenfalls schon kannten. Später kamen noch Mountain Mime und Dr. Dave. Es wurde wieder mal ein sehr lustiger Abend.

Der nächste Morgen brachte das übliche Getümmel in die Shelter, aber auch ein paar sehr spaßige Witze und Wortspiele. Wir elf zogen fast alle zur gleichen Zeit los und liefen uns auch tagsüber mehrfach über den Weg.

Heute ging es an Virginias höchstem Berg Mt. Rogers vorbei und damit war das Tagesmotto für einen Großteil des Tages bereits vorgegeben – mal wieder Aufstieg.

Da immer noch Schnee lag, heute aber die Sonne pausenlos bei ca. 18 Grad vom Himmel schien, verwandelte sich der Trail größtenteils in Pampe. Keine nette Sache, wenn man in Trailrunnigschuhen unterwegs ist. Nasse Füße waren also heute unsere ständigen Begleiter.

Wir stapften tapfer bergan und überquerten einige Felder und kahle Gipfel, um letztlich an einer Straße Mittag zu machen. Eine unbekannte, aber sehr nette Person hatte dort ein paar gefüllte Kekse als Trail Magic hinterlassen. Ein willkommenes Dessert!

Danach ging es im Schneematsch weiter bergauf, wo uns während des Aufstiegs eine nette Frau noch einen Powerbar Riegel schenkte. Sahen wir schon so fertig aus? Endlich kamen wir zur Thomas Knob Shelter. Dort erwartete uns bereits ein Pony, was uns somit auf die nun beginnenden Grayson Highlands einstimmte. Auf dieser Hochebene gibt es noch wilde Ponies, die auch ganz zutraulich sind und genau wissen, dass Wanderer eine gute Nahrungsquelle sind. Auch sind sie ziemlich scharf auf den Schweiß der Wanderer. Das Pony versuchte es auch bei uns, biss aber nur auf Granit.

Weiter ging es über Stock, Stein und Schneematsch der noch 5 Meilen entfernten Wise Shelter entgegen, die heute unser Tagesziel war. Der Weg war teilweise wirklich sehr steinig und die matschigen Meilen hatten Kraft und Konzentration bereits gut gefordert. So waren wir froh, als endlich die Shelter in Sicht kam.

Zum Abendbrot haben wir dann mal eine neue Kreation probiert: Nudeln mit einer fertigen Tacosoße auf Tomatenbasis, verfeinert mit unserem Lieblingszusatz – fertigem Rinderhack. In der Soße war aber auch eine ordentliche Portion Knoblauch enthalten, was einen intensiven Geruch um die Shelter verströmte und unseren Wanderfreunden das Wasser in die Mundwinkel trieb. Auch uns hat es letztlich sehr gut geschmeckt und landet sicher noch einmal auf dem Speiseplan.

Die Shelter war für acht Leute ausgelegt und letztlich waren wir auch genau acht, die darin Platz zu finden versuchten. Da aber alle außer uns noch ihre fetten Winterschlafsäcke dabei haben, war es mir deutlich zu eng in der Shelter. Also bin ich kurzerhand auf den Picknicktisch vor der Shelter als Schlafplatz ausgewichen. Not macht halt erfinderisch, aber es war eine sehr angenehme Nacht für alle inklusive mir.

Der nächste Tag sollte uns möglichst nah an unseren nächsten Resupply-Ort Marion heran führen, so dass wir vernünftig Zeit in der Stadt haben. Also standen 20 Meilen auf dem Programm. Der Schnee war mittlerweile bis auf einige ganz hartnäckige Altschneefelder komplett weggetaut und so ging es gut voran. Der Weg war wenig spannend, aber sehr gut zu laufen.

Da das Wetter sich nun vollends frühlingshaft mit mehr als 20 Grad präsentierte, kamen wir auch ganz ordentlich ins Schwitzen. Allerdings hatte das auch zur Folge, dass wir entspannt überall auf weichem Waldboden Pause machen konnten.

Somit ließen wir zwei Shelter links liegen und suchten uns für die Pausen lauschige Plätzchen in der Sonne oder an kleinen Bächen. Es tat gut, die Füße in das kalte Nass zu tauchen und danach in der Sonne zu trocknen.

Gegen 18:30 Uhr kamen wir dann bei der Trimpl Shelter an. Endlich auch mal 20 Meilen geschafft und so diese für uns fast schon magische Grenze geknackt. Wobei für unsere Füße die Betonung wohl auf „endlich“ lag.

Philipp war wie fast immer etwas eher an der Shelter, da er der zügigste von uns ist. Daher überraschte es uns kaum, dass er an diesem Abend ankündigte, mal eine Weile mit Kirk („Ironman“) und Craig („Extra Mile“) unterwegs sein zu wollen. Katerina und ich hatten ihm das selbst vor ein paar Tagen vorgeschlagen, da das Tempo der beiden eher seinem entspricht. Für uns wiederum ist es einen Tick zu zügig. Philipp hat lange mit sich gerungen, sich aber dann letztlich doch für die getrennte Variante entschieden.

Die Situation war dafür auch recht günstig, da wir alle das ca. eine Woche entfernte Woods Hole Hostel anlaufen wollen. Somit hatte er eine Woche Zeit herauszufinden, ob diese Wandergemeinschaft seinen Bedürfnissen besser entspricht. Kirk und Craig hatten schon vor einigen Tagen Bereitschaft signalisiert.

Damit war auch schon die erste Aufgabe für den nächsten Morgen klar: Ausrüstung aufteilen. Zum Glück hatten wir die Ausrüstung von Anfang an auf so eine Situation ausgelegt, so dass es nicht viel Kopfzerbrechen bereitete und somit schnell erledigt war.

Die Abschiedszeremonie fiel kurz, aber herzlich aus und dann waren die drei auch schon schnellen Schrittes wieder auf dem Trail. Katerina und ich brachen ebenfalls kurz danach Richtung Marion auf.

Erneut war der Weg einfach zu laufen und wir kamen gut voran. 10,5 Meilen waren es bis zum Mt. Rogers Besucherzentrum, das direkt am Trail liegt. Dort gibt es auch eine größere Shelter, die sogar mal wieder über eine Dusche verfügt. Auch kann man sich von einem Lieferservice in der Stadt Pizza direkt an die Shelter liefern lassen. Das alles klang wie für uns gemacht.

Mit dem ersten Wanderer, der uns entgegen kam, kam auch die Ernüchterung: Pizza liefern lassen klappt zwar hervorragend, aber die Dusche ist erst ab Mitte April in Betrieb. Wieder einmal holte uns unser früher Start ein.

Da Katerina und ich durchaus Lust auf eine Dusche hatten und wir sowieso nach Marion zum Einkaufen mussten, beschlossen wir, uns alternativ dann dort eine Unterkunft zu suchen.

So wanderten wir den Einkauf und den Rest des Tages planend bis zur Shelter, wo wir Mittag machten und unsere restlichen Vorräte vertilgten. Wir trafen dort auch auf einen älteren Thru-Hiker namens „G Walker“, mit dem wir eine sehr nette Unterhaltung hatten.

Anschließend trampten wir nach Marion, wo wir im Travel Inn  Quartier bezogen. Mit indischstämmigen Motelbesitzern hatten wir bislang ja wenig Glück. Umso erfreuter waren wir, dass dieses Motel nicht nur von sehr netten Indern geführt wurde, sondern auch sehr sauber war.

Unsere Wanderfreunde aus Nottingham, „Crunchie“ (Christine) und „Time-out“ (Nigel) bezogen genau wie Trish und Jesse aus Michigan das gleiche Motel. Mit ihnen allen verabredeten wir uns zum Abendbrot beim Mexikaner nebenan.

Der Einkauf war halbwegs schnell erledigt, wobei wir Glück hatten und von einem netten Einheimischen zu Army-Laden in der Stadt gefahren wurden, um dort Gas nach zukaufen. Und die obligatorische Dusche haben wir auch genossen.

Dann ging es zum Mexikaner und was dort passierte, werden wir wohl so schnell nicht vergessen. Wir haben durchaus recht lecker gegessen, aber vor allem war es für Trish ein besonderer Tag: ihr 30. Geburtstag!

In vielen amerikanischen Restaurants bekommt man an seinem Geburtstag eine kleine Aufmerksamkeit. So auch hier in Form eines Desserts. Auch versammelten sich alle Kellner um Trish und sangen ihr ein Ständchen auf Spanisch.

Plötzlich nahm eine der Kellnerinnen die Kirsche vom Dessert und fütterte damit Trish. Während wir noch über diese etwas unerwartete Aktion staunten, nahm ein weiterer Kellner eine Flasche Sprühsahne und sprühte Trish eine Art Krone aus Sahne auf den Kopf! Die Münder der vier Europäer standen vor Verblüffung weit offen, während Jesse laut lachte. Als das Lied dann zuende war, zerrieb der Kellner die Krone auf Trishs Kopf und schmierte ihr auch ordentlich das Gesicht ein. Logisch, dass auch einiges auf der Kleidung landete.

Die Verblüffung am Tisch nach dieser Aktion war gigantisch. Trish nahm es erstaunlich gelassen hin und widmete sich ihrem Dessert.  Während dessen bemühte sich Jesse, uns anderen zu erklären, dass dies keinesfalls eine normale Prozedur ist und er das auch gerade zum ersten Mal erlebt habe. Ich war jedenfalls gerade unheimlich froh, schon Geburtstag gehabt zu haben.

So eine skurrile Geschichte erlebt man natürlich nicht jeden Tag, aber auf diesem Trip ist scheinbar alles möglich. Wir sind aber froh berichten zu können, dass anschließend nichts Außergewöhnliches mehr passiert ist und wir gut geschlafen haben. Manchmal sind solche banalen Nachrichten unheimlich beruhigend.

Statistik zu diesem Abschnitt

Reisezeitraum: 30.03.2014 –  02.04.2014

Tage auf dem Appalachian Trail insgesamt: 42

Gewanderte Kilometer in diesem Abschnitt: 100,9

Gewanderte Kilometer auf dem Appalachian Trail insgesamt: 854,9

Trail Magic auf diesem Abschnitt:
– 2 gefüllte Kekse am Wegesrand
– 1 Powerbar Riegel
– 2 selbstgebackene Cookies von Section Hikern
– Fahrt per Anhalter nach Marion
– Fahrt durch Marion zum Army Store und zurück

5 Responses

  1. Irina
    | Antworten

    In Mexiko ist die Geschichte weniger skurril… Traditionell muss das Geburtstagskind von der Torte oder dem Kuchen abbeißen und bekommt währenddessen von hinten einen „Schubser“, sodass Gesicht und Kleidung ähnlich wie auf dem Foto aussehen :) Wenn man das Abbeißen verweigert, landet die Torte trotzdem irgendwie im Gesicht. Das mit der Sprühsahne scheint die vereinfachte amerikanische Variante zu sein ;)

    • Robert
      | Antworten

      Hallo Irina,

      Danke für die Aufklärung! Ich dachte mir schon, dass das kein spezielles „Rezept“ dieses Restaurants ist.

  2. christiane
    | Antworten

    Nach 10 Jahren in den USA hoere ich so eine Geburtstagsgeschichte auch zum ersten Mal. Vielleicht dachten sie sich dass die Thru-Hiker ja nicht so schnell wieder vorbeikommen ;)
    So, da der Philip nun vorausmarschiert kriegen wir dann die doppelte Dosis Frischluftgeschichten??? :) Immer her damit! Freu mich immer riesig wenn eine neue Geschichte angeflattert kommt!
    Weiterhin frohes Wandern!

  3. Ulf
    | Antworten

    Hallo Ihr 3,
    sorry … diesmal bekomme ich keinen Streckenabschnitt per Google Maps zustande. Der AT ist nicht durchgängig verzeichnet, sodass eine genaue Verfolgung nicht möglich ist.
    Was esst Ihr eigentlich so jeden Tag, gibt es genug Auswahl oder hält sich das eher in Grenzen?

    • Robert
      | Antworten

      Hallo Ulf,

      Trotzdem danke für deine Bemühungen!

      Zum Essen wird es noch einen detaillierten Beitrag geben. Wir sind auch gerade dabei, damit noch ein bisschen zu experimentieren. Generell gibt es aber morgens Haferbrei, tagsüber Riegel, mittags Tortillas mit Erdnussbutter und Käse und abends Reis, Nudeln oder Kartoffelbrei mit „Beilage“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.