Philipps Weg: Von Newport, VA nach Daleville, VA
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Philipps Weg: Von Newport, VA nach Daleville, VA

gepostet in Appalachian Trail, Geschichten | 6

Wir lassen es an diesem Morgen mal so richtig entspannt angehen. Die Sonne wandert nach und nach über den Berg und schmunzelt in unsere Shelter, während wir in unseren Schlafsäcken liegen bleiben. Lediglich zehn Meilen stehen heute auf dem Plan, da die Wasserquellen in dieser Gegend eher rar sind. Um 10.30 Uhr, so spät wie noch nie, verlassen wir die Shelter, um schon nach 1,3 Meilen wieder zu stoppen. Aus einem guten Grund: Trail Magic! Reichlich Pepsi-Dosen und andere kühle Getränke „warten“ in einem kleinen Fluss auf uns. Genug, um für jeden noch eine weitere Dose für die Mittagspause einzupacken.

Kurz darauf treffen wir NASCAR und Bullwinkle, die beiden Wanderer, die wir seit Tagen immer wieder treffen. Ein kurzer Plausch verrät, dass die beiden auch verantwortlich für die Trail Magic waren. Dazu gibt es ein Update für Kirk, was die Golf Masters (in Augusta, Georgia) angeht. Für mich ist aber viel interessanter, dass Wall-E und Milkmonsta offensichtlich wieder wandern. Robert geht es also besser – so gut das zu hören!

Bei Sonnenschein geht’s weiter. Seit zwei Tagen wander ich in kurzer Hose und T-Shirt – es ist endlich Frühling! Das hebt auch unsere Stimmung auf dem Trail. Beim Audie Murphy Monument stoppen wir für unsere Mittagspause. Das Denkmal ehrt einen amerikanischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs, der so einige Auszeichnungen verliehen bekommen hat, in den Siebzigern aber hier bei einem Flugzeugabsturz verstarb.

Genug Geschichte, weiter auf dem Trail! Hier holen wir den „Schnarcher“ ein. Der 61-jährige Wanderer, der uns diese unvergessliche Nacht beschert hat. Er erzählt uns, dass er genug von den Anstiegen und Bergen hat und den AT heute verlassen wird. Wir dagegen erreichen um 14.45 Uhr die Pikle Branch Shelter. So ein kurzer Tag ist unfassbar entspannt!

Wir nutzen die Sonne, breiten all unsere Sachen aus und waschen uns im Fluss. Und noch immer ist reichlich Zeit an diesem Tag. In der Sonne schreibe ich den Blog, als Emerald die Shelter erreicht. Sie ist eine Thru-Hikerin, die ich erstmals im Wood’s Hole Hostel getroffen habe. Ihre „Neuigkeiten“ gefallen mir überhaupt nicht. Robert und Katerina sind offenbar nicht mehr auf dem Trail, sondern in den nächsten Ort getrampt. Geht es Robert so schlecht? Ist was anderes passiert? Es nervt so unfassbar, dass es hier keinen Handyempfang gibt! Nach und nach treffen immer mehr Wanderer in der Shelter ein, unter anderem auch Mountain Mime und Doc. Doch sie alle wissen nicht wirklich etwas von Robert und Katerina.

Die Nacht ist warm und wieder einmal schneller vorbei, als mir lieb ist. 5.30 Uhr klingelt „versehentlich“ der Wecker von Jason, einem Soldaten, der für einige Tage wandert. Gegen 6 Uhr macht sich dann Emerald auf den Weg. Es bleibt dabei: eine vollbesetzte Shelter ist mehr als ungeeignet zum Ausschlafen! Immerhin, als eine Art Entschuldigung schenkt mir Jason kurz bevor er aufbricht eine nahezu volle Gaskartusche. Bei strahlendem Sonnenschein machen auch wir uns auf den Weg. Es geht durch einen Kiefernwald immer bergauf, bis wir Dragon’s Tooth erreichen. Eine große, äußerst spitze Felsformation auf dem Gipfel des Berges. Die Aussicht ist wunderschön und so warte ich auf Extra Mile, der ein paar Minuten nach mir eintrifft. Gemeinsam schießen wir diverse Fotos, bevor wir uns an den durchaus steilen Abstieg wagen. Dabei kommen uns einige Tageswanderer entgegen, an denen mir vor allem eins auffällt – ihr Geruch!

Ich rieche ihr Waschmittel, ihr Shampoo und ihr, nicht immer gutes, Parfum. Unglaublich, wie sensibel die Nase nach zwei Monaten Auszeit von der Zivilisation darauf reagiert. Noch immer denke ich darüber nach, als ich fast auf eine zwei Meter lange, schwarze Schlange trete. Sie liegt mitten auf dem Trail und rührt sich kein Stück. Also schlängeln wir uns langsam an ihr vorbei, um nur kurz darauf den nächsten Waldbewohner zu bestaunen. Trotz guter Tarnung entdecken wir eine, scheinbar an einem Baum „klebende“ Eidechse. Es ist ein wirklich toller Tag, einfach alles passt und dann kommt auch noch Trail Magic dazu, eine Dose Sprite und zwei Dosen Mountain Dew.

Über Kuhweiden geht es weiter, ehe wir an einem kleinen Fluss Mittag machen. Hier treffen Extra Mile und ich auch Kirk und Doc wieder und zu viert beglückwünschen wir uns kurz gegenseitig dazu, dass wir die 700-Meilen-Marke geknackt haben. Das Tagesziel aber ist noch nicht erreicht und so geht es weiter bergauf Richtung McAfee Knob. Bevor wir dort aber ankommen, hat der Trail für Craig und mich noch zwei weitere „Prüfungen“ parat. Da wäre zunächst eine weitere schwarze Schlange, die uns aber wenig Kummer bereit. Die weitaus gefährlichere Spezies treffen wir kurz darauf: Menschen!

Der Trail kreuzt einen relativ großen Parkplatz, wo wir einen Mann, namens Tim und seine Frau treffen. Nach den altbekannten Einstiegsfragen: Wie weit? Wie lange? Woher? Aber das Wetter?, zeigt sich Tim begeistert, während seine Frau nur fragt, warum wir das machen. Ihrem Gesicht sehe ich das Unverständnis an. Tim aber will uns zum Essen einladen. Wirklich nett, denke ich, doch wirkt der Typ leicht angetrunken und irgendwie wenig vertrauenserweckend. Er besteht darauf, dass wir ihm einen Brief schreiben, wenn wir in Maine angekommen sind und fordert seine Frau auf, Stift und Papier aus dem Auto zu holen. Während sie sich äußerst widerwillig auf den Weg macht, startet Tim einen neuen Anlauf Craig und mich zum Essen einzuladen. Er ist äußerst hartnäckig, keine Ausrede zieht und so willigen wir schließlich ein. Welcher Thru-Hiker könnte da schon nein sagen. Tims Frau ist von den „Neuigkeiten“ wenig begeistert. Egal! Als wir aber unsere Rucksäcke im Auto verstauen wollen, kommt die nächste Überraschung. Tims Frau hat die Autoschlüssel versehentlich, das ist ihrem schockierten Gesichtsausdruck mehr als anzusehen, im Wagen eingeschlossen. Unsere Chance nach einem geflüsterten „Ah, wie ärgerlich!“ zu „fliehen“.

Schnell weiter auf dem Trail und rauf auf McAfee Knob. Ein Felsvorsprung, der neben einer schönen Aussicht, ein tolles Fotoarrangement darstellt. Craig und ich können das aber nur bedingt genießen. Kleine beißende Fliegen versauen uns den Aufenthalt. Also heißt es nach ein paar Fotos zur nahgelegenen Shelter weiterziehen. Außer uns, sind hier auch andere Wanderer und um die zwanzig Pfadfinder, die rund um die Shelter zelten.

Am nächsten Morgen geht es Richtung Daleville. Hier haben Kirk, Craig und ich einen Ruhetag geplant und das scheint uns allen Flügel zu verleihen. Wir „rennen“ die knapp 16 Meilen förmlich in den Ort und beziehen ein Motel, in dem auch schon Crunchie und TimeOut auf uns warten. Hier gibt es auch endlich Handyempfang, so dass ich Robert und Katerina schreiben kann. Die Antwort kommt kurz darauf: „Geht uns gut! Sind morgen gegen 12 Uhr in Daleville. Freuen uns euch alle zu sehen!“ Super, gute Nachrichten! Da schmecken Bier und Lieferservice-Pizza an diesem Abend gleich umso besser.

Unser Ruhetag beginnt dafür äußerst unschön. Kirk hat es erwischt – Durchfall und Erbrechen! Das einzig Positive ist, dass er hier im Motel ein vernünftiges Bett und eine richtige Toilette hat. Genau 12 Uhr treffen dann Robert und Katerina ein und werden von mir auf den neusten Stand gebracht. Am Abend geht die ganze Truppe, bis auf Kirk, dann gemeinsam Essen, denn Crunchie „feiert“ ihren Geburtstag. Während die anderen den Abend mit Eis und Whiskey ausklingen lassen, geh ich ins Bett. Auch ich fühle mich nicht 100%ig. Ungewollt bekomme ich aber noch einen Ruhetag, denn Kirk geht es zwar besser, aber noch immer nicht wirklich gut.

Statistik zu diesem Abschnitt

Reisezeitraum: 12.04.2014 – 16.04.2014

Tage auf dem Appalachian Trail insgesamt: 55

Gewanderte Kilometer in diesem Abschnitt: 84,5

Gewanderte Kilometer auf dem Appalachian Trail insgesamt: 1165,2

Trail Magic auf diesem Abschnitt:
– sechs Pepsi-Dosen
– eine Gaskartusche
– eine Dose Sprite und zwei Dosen Mountain Dew

6 Antworten

  1. Basisstation
    | Antworten

    Hui, manchmal waren es wieder Passagen, wo uns kurz der Atem stockte, doch dann mußten wir auch wenige Zeilen weiter feststellen, dass wir diese Informationen schon kannten und doch alles gut bei unseren Wanderern ist. Schön, dass Ihr trotz „Trennung“ immer gedanklich beieinander seid und aufeinander aufpasst. Weiterhin viel Spaß und Kraft, um Euer gewünschtes Ziel zu erreichen.
    Liebe Grüße VaT u. MuT

    • Philipp
      | Antworten

      Liebe Basisstation,
      ja, es wird nicht langweilig. Manchmal wünschen sogar wir uns ein paar ruhige Tage. Es geht uns aber nach wie vor prima!
      Liebe Grüße von eurem Trio

  2. Beate
    | Antworten

    Lieber Philipp, sooo ein tolles Abenteuer! Passt auf die Insekten und Schlangen auf! Ich wäre schon abgereist!!!!!!!!
    Haltet durch!!
    Liebe Grüße von Uwe und Beate

    • Philipp
      | Antworten

      Hallo Beate, hallo Uwe,
      bisher lassen uns Tierchen und Tiere eigentlich in Ruhe. Die wenigen Begegnungen aber waren schon beeindruckend. Aber da habt ihr insgesamt wahrscheinlich schon viel mehr gesehen als wir.
      Viele liebe Grüße von uns Dreien

  3. Inge Wölke
    | Antworten

    Hallo Ihr Wanderer,die Geschichten werden ja immer spannender.Nun kreuzen auch noch seltsame Tiere die Wege. Mutig ,mutig.Wir wünschen Euch nur schöne Erlebnisse . Alles Gute und viele Grüße von der Ostseeküste
    OH und OI

    • Philipp
      | Antworten

      Hallo an die Ostsee,
      man ist schon überrascht, wenn da plötzlich eine Schlange liegt. Ist man aus Deutschland ja schließlich nicht gewöhnt. Aber laut Informationen der Amerikaner sind diese Art Schlangen wohl harmlos.
      Liebe Grüße vom tierischen Trio

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