Philipps Weg: Von Marion, VA, nach Wood’s Hole, VA
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Philipps Weg: Von Marion, VA, nach Wood’s Hole, VA

gepostet in Appalachian Trail, Geschichten | 6

8.23 Uhr! Noch einmal umarmen, dann geht’s los. Ich verlasse die Trimpi Shelter, doch nicht mit Robert und Katerina, sondern mit Kirk (Iron Man) und Craig (Extra Mile). Komisches Gefühl, ich bin aufgeregt! Für mindestens sechs Tage werde ich mit den beiden wandern. Es war eine wirklich schwere Entscheidung! Robert, Katerina und ich hatten keinen Streit, wir hatten nicht genug voneinander und wir hatten bis hierhin wirklich eine wahnsinnig tolle Zeit. Doch ich bin einfach schneller als die beiden, was das Wandern angeht. Also kam uns die Idee, dass ich mich vorerst Kirk und Craig anschließen könnte, denn auch die beiden sind fix unterwegs. Ein kurzes Gespräch mit den zwei positiv Verrückten, die sofort zustimmten und schon lag die Entscheidung nur noch bei mir. Bauchgefühl, was meinst du?

Heute also beginnt mein Abenteuer innerhalb des Abenteuers! Ausrüstungstechnisch habe ich alles was ich brauche, um auch alleine klar zu kommen. Doch Craig und Kirk geben mir von Beginn an das Gefühl zu „ihrer Truppe“ zu gehören – also jetzt zu unser. Der Plan für den heutigen Tag ist schnell erzählt: Elf Meilen bis zur Straße wandern, per Anhalter nach Marion (der nächste Ort), essen, einkaufen, zurück auf den Trail und weitere sieben Meilen zur nächsten Shelter laufen.

Oh, und wir müssen zur Post! Craig bekommt, wie viele andere Wanderer auf dem AT, ein „Fresspaket“ von zu Hause und auf mich soll in Marion ein Brief von meiner Freundin warten. Seit Tagen freue ich mich darauf und kann es kaum erwarten!

Es läuft gut, richtig gut! Wir kriegen an der Partnership Shelter von einer Frau sogar noch zwei große Dosen Coca Cola Zero geschenkt, das erste Mal Trail Magic in meiner „neuen Gruppe“. Alles klappt also perfekt – bis ich am Postschalter von Marion stehe: „Ein Brief für Philipp Langer? Nein, tut mir leid!“

Neben mir kriegt Craig zwei schuhkartongroße Pakete. Ich bitte die Frau hinter dem Schalter noch einmal zu gucken. „Nein, tut mir leid! Wir haben nichts für sie. Vielleicht kommt der Brief morgen?!“ Unserem Geruch und unserem Aussehen sei Dank, dass wir nicht lange brauchen, um ihr zu erklären, dass wir morgen schon weitere Meilen auf dem AT zurückgelegt haben werden. „Dann schicke ich den Brief, sobald er hier ist, einfach in den nächsten Ort durch den sie laufen.“ Die Frau ist unfassbar nett und wirklich bemüht eine Lösung zu finden. Ihre Idee scheint die einzige Option zu sein. Und für mich beginnt ein altbekanntes Spiel: Sechs Tage Vorfreude auf liebe Zeilen von meiner Freundin. Hoffentlich, gewinne ich die nächste Runde!

Craig wühlt sich glücklich durch seine Pakete. Der selbst gemachte Zitronen-Rührkuchen seiner Mutter „überlebt“ keine fünf Minuten und wird brüderlich unter uns aufgeteilt. Der Rest des Tages funktioniert wie geplant. Beim Einkaufen verschicke ich über das offene WLAN-Netzwerk des nahegelegenen KFC-„Restaurants“ ein paar bereits geschriebene Emails und empfange auch zahlreiche – unter anderem von meinen Eltern und meiner Freundin. Das hebt die Laune! Nach drei Stunden sind wir wieder aus dem Ort und nach insgesamt noch nicht einmal zehn Stunden sind wir an der angepeilten Shelter. Wow, was für ein Tag! Zur „Belohnung“ will ich die Emails lesen, doch nichts passiert. Ich kann sie sehen, aber nicht öffnen. Das kann doch nicht wahr sein!

Die Nacht war erholsam und richtig warm. Der Frühling scheint es endgültig geschafft zu haben. Wurde auch Zeit! Die ersten Stunden auf dem Trail vergehen wie im Flug. Kirk, ehemaliger Profi-Golfer, erzählt mir alles über seinen Lieblingssport. Kurz darauf erfahre ich eine Menge über Monster Trucks und andere typische amerikanischen Dinge von den beiden. Wir haben jedenfalls ordentlich Spaß. Der vergeht uns jedoch, als wir bei der Mittagspause feststellen, dass wir heute noch nicht so weit sind, wie wir dachten. Weitere neun Meilen warten auf uns.

Es geht 900 Fuß hoch, bevor es auf der anderen Seite wieder runter geht. Der Weg zieht sich und vor allem die letzten vier Meilen tun richtig weh. Nur ein Reh, direkt neben dem Weg, eine fette Kröte und ein paar über uns kreisende Adler sorgen für etwas Ablenkung. An der Knot Maul Shelter bin ich froh, dass der „Wandertag“ vorüber ist. 18.4 Meilen in den Knochen, die ich jetzt alle spüre. Und genau in so einem Moment braucht man Trail Magic: Drei Äpfel und zwei Erdnussbutter-Sandwiches warten auf uns….mmmh lecker!

Das tägliche Abendprogramm beginnt und nach dem Abendessen liege ich innerhalb von ein paar Minuten im Bett. Ich bin echt kaputt! Beruhigend, dass es Kirk und Craig aber auch so geht. Kurz vor dem Einschlafen wird es dann noch einmal taghell. Ein ordentliches Gewitter und diverse Blitze zeigen ihr ganzes Können. Ein beeindruckendes Naturschauspiel, das wir von der trockenen Shelter aus verfolgen.

Gut erholt, geht es am nächsten Morgen weiter. Nach einer schönen Passage mit vielen kleinen Flüssen müssen wir mal wieder ordentlich bergauf. Die letzten zwei Meilen, bevor wir den Gipfel erreichen, sind nahezu freies Feld. Da ist es mehr als ungünstig, dass sich direkt hinter uns ein Gewitter seinen Weg bahnt. Eine schwarze Wand begleitet von lautem Donner, der uns mehr als nur einen Schritt zulegen lässt. Kurz bevor der Himmel endgültig alle Schleusen öffnet, erreichen wir den Berggipfel und somit auch die Chestnut Shelter. Abgesehen von uns suchen hier auch fünf andere Wanderer Schutz, darunter ein Freiwilliger, der sich um den Trail kümmert.

Das Unwetter beruhigt sich und wir können im Nieselregen weiter. Von der Shelter sind es noch zehn Meilen. Der Großteil davon führt über einen Bergkamm, doch aufgrund von Nebel haben wir nichts von der vermeintlich tollen Aussicht. Und plötzlich ist sie wieder da: Trail Magic! Ein kleiner Styroporkarton ist voll mit Billig-Fanta. Was ich sonst wahrscheinlich nie anrühren würde, schmeckt richtig, richtig gut. Vier Meilen später erreichen wir die Jenkins Shelter und sind längst nicht so kaputt, wie tags zuvor. Wild Turkey, ein älterer Wanderer gibt uns noch ein paar hilfreiche Tipps für die nächsten Tage, dann heißt es Augen zu und schlafen.

Da wir heute nur 14.3 Meilen vor uns haben, lassen wir es etwas ruhiger angehen. Um 9.45 Uhr aber geht’s los und wir kommen sofort ins Rollen. Wetter und Weg spielen perfekt mit. Nach nur drei Stunden haben wir bereits zehn Meilen hinter uns. Craig und Kirk geben wirklich Gas, aber soweit komme ich mit dem Tempo gut zurecht. Die beiden machen tagsüber so gut wie keine Pausen, um so mehr „Freizeit“ am Abend zu haben. Eine vollkommen andere Wander-Strategie, als die von Robert, Katerina und mir.

An einem Funkturm aber stoppen auch Kirk und Craig. Nach vier Tagen (!) haben wir erstmals wieder Handyempfang. Die beiden telefonieren mit ihren Liebsten, während ich von Kirks Handy „nur“ eine SMS an Robert und Katerina schicken kann. Was die beiden wohl so treiben? Wir jedenfalls erreichen unsere Shelter für heute, filtern Wasser, kochen, hängen unser restliches Essen bären- und mäusesicher auf und schlüpfen in unsere „Betten“.

Während des Frühstücks liegen wir immer noch in unseren Schlafsäcken und bewundern den Sonnenaufgang, ehe es auf den gut ausgetretenen, heute mal überwiegend flachen Trail geht. Es weht ein leichter Wind, wir haben Sonnenschein und vom Bergkamm aus, genießen wir richtig schöne Aussichten. Die Meilen gehen in der wasserarmen Region leicht vom Fuß und so sind nach einer kurzen Mittagspause 16 Meilen geschafft. Wir unternehmen einen kleinen Abstecher zu einer Art Tankstelle mit integrierter Imbissbude. Cheesburger, Pommes, Hot Dogs und diverse Getränke – volle Granate Fast Food ohne schlechtes Gewissen. Da die Jungs einfach klasse sind und mir bereits ein Mittagsessen spendiert haben, kann ich mich hier revanchieren.  Am Ende packen wir noch fünf große Bier ein (700 ml pro Dose) und begeben uns wieder auf den Trail.

Zwei weitere Meilen, kurz hinter den Dismal-Wasserfällen, finden wir für heute unseren Zeltplatz. Nach langer Zeit endlich mal wieder zelten, dazu noch direkt am Fluss. Perfekt! Wir trinken unser Bier am Wasser, reden und haben einen richtig lustigen Abend. Es ist bis hierhin einer der schönste Tage auf dem AT. Bevor Craig und ich in die Schlafsäcke schlüpfen, spielen wir Kirk noch einen kleinen Streich. Beim Aufhängen unseres Essens umwickeln wir mit dem meterlangen Seil möglichst viele Äste und Zweige, zusätzlich versehen mit zahlreichen Knoten. Das reinste Chaos! Da wir das Essen aufgehangen haben, muss es Kirk morgen vom Baum holen – einfache Aufgabenteilung. Es fällt uns schwer beim Gedanken daran nicht laut zu lachen. Viel Spaß morgen früh, Kirk!

Durch Kirks Fluchen werde ich geweckt. Er ruft so einiges, was ich hier mal besser nicht übersetzte, doch richtig sauer, ist er zum Glück nicht. Dafür regnet es, wie schon die ganze Nacht, und so heißt es Frühstück im Zelt, ehe wir uns auf den Weg machen. Zwölf Meilen sind es bis zu einem Hostel namens Wood’s Hole, von dem wir bisher nur Gutes gehört haben. Viele Wanderer meinten, es sei das beste auf dem gesamten AT.

Es ist tatsächlich schön gelegen und eine Art kleine Farm. Die Scheune, in der der Dachboden zum Schlafraum ausgebaut wurde, ist aber unbeheizt und kalt. Nach dem verregneten Tag eine Enttäuschung. Dazu gibt es nur eine einzige Dusche und kein Wlan. Ich bin frustriert! Eine Woche lang habe ich nichts von Familie und Freunden gehört und so auf das Hostel gehofft – vergebens! Nach dem Duschen aber geht es mir besser, auch wenn ich darauf durch einen hinteren Platz in der „Schlange“ fast zwei Stunden warten musste.

Zu meiner Überraschung treffen dann auch Crunchie und Timeout in Wood’s Hole ein. Das Pärchen aus England, von dem wir dachten, dass es mindestens einen Tag hinter uns sein würde. In großer Runde gibt es Abendessen, das von allen unter Anleitung der Hostelbetreiberin, zubereitet wurde. Salat, selbst gemachtes Brot und Chilie con Carne mit Reis – einfach, aber lecker! Und als gerade den letzten Bissen nehme, tauchen Robert und Katerina auf. Ich bin so froh, die beiden zu sehen! Ein richtig schöner Abschluss an einem verregneten Tag.

Statistik zu diesem Abschnitt

Reisezeitraum: 02.04.2014 – 07.04.2014

Tage auf dem Appalachian Trail insgesamt: 46

Gewanderte Kilometer in diesem Abschnitt: 161,6

Gewanderte Kilometer auf dem Appalachian Trail insgesamt: 999,2

Trail Magic auf diesem Abschnitt:
– zwei große Dosen Coca Cola Zero
– drei Äpfel und zwei Erdnussbutter-Sandwiches
– vier Dosen Orangenlimonade

6 Antworten

  1. Basisstation
    | Antworten

    Lieber Philipp,
    toller Bericht und trotzdem komisch hier zu lesen, dass das Trio nicht durchgängig komplett war. Doch dafür gibt es Berichte von zwei Seiten. Das hat auch was…
    Viel Spaß noch in der neuen Wandertruppe !
    Liebe Grüße
    VaT u.MuT

    • Philipp
      | Antworten

      Liebe Basisstation,
      wir wollen ja keine Langeweile aufkommen lassen. Also immer mal was neues! ;) Früher oder später aber werde ich wieder mit Milkmonsta und Wall-E wandern.
      Liebe Grüße aus dem Wald

  2. Inge Wölke
    | Antworten

    Hallo Philipp, wie immer haben wir den Bericht mit Freude gelesen. Spannend war, weil es gleich zwei Geschichten waren und beide hören sich gut an. So soll es weiter gehen bis zum Mount Katahdin. Viele Grüße aus Rostock
    OH und OI

    • Philipp
      | Antworten

      Hallo nach Rostock! Vielen Dank für euren Kommentar. Auch für mich ist es spannend zu lesen, wie Robert und Katerina so die Meilen meistern, die ich kurz zuvor gegangen bin.
      Viele Grüße, Philipp

  3. Horny
    | Antworten

    Oh Mann!
    Ich krieg‘ derbe Bock auf Fanta und Norwegen. Komisch.
    Eine gute Zeit!

    • Philipp
      | Antworten

      Fanta ist bis jetzt auch ganz klar meine Trail Magic No.1. Allerdings habe ich statt Bock auf Norwegen, eher das Bedürfnis in „ein paar Wochen“ auf einem Berg weiter nördlich zu stehen. ;)

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